Hmm. Einerseits interessanter Text, allerdings muß ich gestehen, daß ich schon über den Grundgedanken stolpere. Wenn weniger Alkohol getrunken wird, und man trotzdem darüber spricht, ist das für mich kein Zeichen von "Empörung". Sondern mehr ein positives Signal, daß die Gesellschaft anfängt über Dinge nachzudenken, die lange als selbstverständlich galten.
Alkohol ist für mich der gesellschaftlich unterschätzte Elefant im Raum. Jeder nimmt es hin, daß auf jedem Fest, in jedem Büro, bei jedem Jubiläum ganz selbstverständlich etwas mit Umdrehungen herumgereicht wird. Ich muß mich seit dreißig Jahren immer wieder dafür rechtfertigen, diejenige zu sein, die "Nein Danke" sagt. Interessanterweise muß ich das wesentlich seltener, je jünger die Menschen sind, die mich umgeben. Ich weiß nicht, was daran so furchtbar "empfindlich" sein soll, die gesellschaftliche Akzeptanz eines Nervengiftes kritisch zu hinterfragen. Persönlich finde ich das gut, wenn man Jugendliche heute auf einer Schulfahrt nicht mehr mit Schnaps oder Bier betankt ... Das hätte ich selbst als Schülerin nicht witzig gefunden. Diesen Aufhänger des Artikels empfinde ich als Verherrlichung und Verharmlosung von Alkoholgenuss bei Jugendlichen, die mich tatsächlich empört und die ich unangemessen finde.
Der gute Tocqueville hätte das vermutlich als Beispiel dafür gesehen, daß eine freie und wohlhabende Gesellschaft irgendwann beginnt, sich über Nebensächlichkeiten zu ereifern. Allerdings lebte der Mann im 19. Jahrhundert und seine Thesen bzw. das von ihm formulierte Paradoxon ist keine naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeit, sondern seine Deutung gesellschaftlicher Wahrnehmung. Der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Kritiker bemängeln nicht zu unrecht, daß seine These empirisch schwer zu belegen und psychologisch zu einfach sei. Menschen reagieren nicht automatisch empfindlicher, nur weil es ihnen besser geht - sie orientieren sich an kulturellen und medialen Deutungsrahmen ... Aber das Tocqueville Paradoxon kann man eben auch schön politisch instrumentalisieren, um gesellschaftliches Engagement als Überempfindlichkeit abzutun.
Vielleicht redet die Gesellschaft heute einfach offener über Themen, die man früher verdrängt und unter den Teppich gekehrt hat: Abhängigkeit, Gruppenzwang, über das, was als "normal" gilt. Das ist für mich kein Zeichen von "Überempfindlichkeit", sondern von Fortschritt und Reife. Wäre ja schön, wenn wir irgendwann mal keine Jugendlichen mit Alkoholvergiftungen mehr in den Notaufnahmen sehen würden, keine Opfer von alkoholisierten Autofahrern hätten und immens hohe Kosten für die Folgen krankhaften Alkoholkonsums mehr aufbringen müssten.
In kurz: Der Artikel liest sich für mich wie eloquente Empörung mit dem Subtext "Früher war alles besser". Läßt dabei aber außer Acht, daß Fortschritt nur möglich ist, wenn man Bestehendes hinterfragt.